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Presseticker > alle > 2001 > Mai > 30 > 11:01

Integration bedeutet Offenheit für das Fremdartige

Portable Document Format ist das Original der Pressemitteilung Weitere Formate: formatierter Text, Fliesstext und Layout

Südschleswigscher Wählerverband
                                                                                             Schleswig-Holsteinischer Landtag
im Schleswig-Holsteinischen Landtag                                                          Düsternbrooker Weg 70
                                                                                             D - 24105 Kiel
                                                                                             Tel. (0431) 988 13 80
                                                                                             Fax (0431) 988 13 82

                                                                                             SSW-Landtagsvertretung


PRESSEINFORMATION
                                                                                             Norderstr. 74
                                                                                             D ­ 24939 Flensburg
                                                                                             Tel. (0461) 14 40 83 00
                                                                                             Fax (0461) 14 40 83 05


                                                                                           Kiel, d. 30.05.2001
Anke Spoorendonk                                                               Es gilt das gesprochene Wort



TOP 23       Integration (Drs. 15/973)


Keines der westlichen Industrieländer wird in Zukunft ohne Einwanderung auskommen.

Deshalb ist es natürlich begrüßenswert, dass die CDU zur späten Einsicht gekommen ist, dass

Deutschland ein richtiges Einwanderungsland werden muss. Es gibt gar keinen Weg drum

herum, wenn wir in einigen Jahrzehnten nicht in den Pflegeheimen verwahrlosen oder

verhungern wollen.


Es hat lange genug gedauert, aber es ist wohl endlich zum Konsens der demokratischen

Parteien geworden, dass wir Einwanderer brauchen. Das kann man gar nicht hoch genug

schätzen, denn es gibt noch viel zu tun. Bisher haben wir es nicht einmal geschafft, genügend

zur Integration der in den letzten Jahrzehnten eingewanderten Menschen zu tun. Wenn in

Zukunft also gezielt um Einwanderer geworben werden soll, dann müssen wir uns endlich

Gedanken darüber machen, wie wir die sozialen und kulturellen Barrieren überwinden, vor

denen schon viele hier lebende Einwanderer kapituliert haben.


Integration von Arbeitsmigranten, Flüchtlingen und Asylbewerbern - das wird auch aus dem

Antrag deutlich ­ erfordert einen Einsatz in vielen Feldern. Es sind nahezu alle

gesellschaftlichen Bereiche betroffen.




                            Internet: http://www.ssw-sh.de; e-mail:info@ssw-sh.de

Eine grundlegende Voraussetzung für die Integration in diesen vielen Bereichen ist die

Sprache, hinzu kommen grundlegende Kenntnisse unserer Gesellschaft. Deshalb werden vor

allem massive Bildungsanstrengungen erforderlich sein. Wir teilen hier allerdings die

Vorstellung der Süssmuth-Kommission, dass die Anreize zur Teilnahme an solchen Bildungs-

veranstaltungen positiv gestaltet werden müssen. Man kann sicherlich ein besseres Ergebnis

durch Belohnung erreichen als durch Sanktionen.


Eine Voraussetzung für solche Bildungsveranstaltungen ist, dass verstärkt zweisprachiges

Personal angeworben wird. Im Bildungsbereich muss ebenso wie in allen anderen gesell-

schaftlichen Bereichen verstärkt die Zweisprachigkeit als wichtige Qualifikation anerkannt

werden.

Überhaupt muss noch vieles unternommen werden, um Einwanderern den Zugang zum

Arbeitsmarkt zu ebnen. Hier müssen die Anstrengungen der Arbeitsverwaltung noch ziel-

gerichteter gestaltet werden, müssen eigene Integrationsprogramme entworfen werden, und

hier muss auch der Staat seiner Vorbildfunktion nachkommen.


Es gibt aber eine Voraussetzung für die Integration, die das CDU-Programm unserer Ansicht

nach immer noch zu zaghaft einfordert: Die Deutschen und ihre Politik müssen offener für

das Andersartige werden. Hier gilt es Berührungsängste abzubauen. Dazu hat vor allem der

rechte Flügel der Politik bisher viel zu wenig beigetragen. ­ Oder anders formuliert: die starke

Fokussierung auf die Integrationsbereitschaft der Einwanderer lenkt von dem wesentlich

größeren Problem ab, dass die Deutschen es bisher nicht gelernt haben, Einwanderer zu

integrieren.


Zur Integration gehört vor allem, dass man für das offen ist, was die Menschen aus der

Fremde mitbringen. Das fängt bereits auf der formellen Ebene an: so mangelt es zum Beispiel

an Bereitschaft, die Qualifikationen anzuerkennen, die Menschen von woanders mitbringen

Als SSW-Abgeordnete wissen wir, wie schwierig es ist, die Anerkennung von Bildungsab-

schlüssen aus dem Ausland zu erreichen. Da stellt schon die deutsch-dänische Grenze manch-

                             Internet: http://www.ssw-sh.de; e-mail:info@ssw-sh.de

mal eine schier unüberwindliche Hürde dar. Hier muss dringend eine neue Kultur der Flexibi-

lität Einzug halten, wenn wir den einwandernden Menschen nicht die Chancen auf ein eigen-

ständiges Leben verbauen oder sie gleich fernhalten wollen. Zumindest muss unser Bildungs-

system so ausgebaut werden, dass als Ziel ein gleichwertiger Zugang gewährleistet wird.


Auch in Kultur und sozialem Zusammenleben muss es eine grundsätzliche Offenheit für das

Fremde geben, wie wir es aus den ,,klassischen" Einwanderungsländern kennen. Gerade wer

verhindern will, dass die Menschen sich isolieren, muss ihnen mit viel Toleranz und Neugier

begegnen. Nur wer offen empfangen wird, kann auch selbst offen bleiben.


Diese Offenheit bedeutet aber mehr als dass man ,,fremde" Sitten und Gebräuche als

folkloristischen Einschlag toleriert. Es muss trotz allem auch die Bereitschaft da sein zu

akzeptieren, dass Einwanderer teilweise die Gemeinschaft mit Menschen aus der eigenen

Kultur vorziehen. Wenn ein Integrationskonzept diese Realität übersieht, zielt es an den

Menschen vorbei und ist zum Scheitern verurteilt. Eben so wie man die kulturelle

Eigenständigkeit der Dänen oder der Friesen akzeptiert, wird man auch anderen Kulturen

ihren Spielraum lassen müssen. Das ist die Realität einer Einwanderungsgesellschaft, auf die

wir uns auch einstellen müssen.


Eben dieses vermisse ich aber im CDU-Antrag, in dem immer noch die Reste der

,,Leitkultur"-Debatte stecken. Dort heißt es, dass neben der Gesetzestreue und dem

Bekenntnis zur Werteordnung des Grundgesetzes auch der ,,Respekt vor den gewachsenen

Grundlagen des Zusammenlebens in Deutschland" zu den Pflichten der Einwanderer gehört.

Doch wer definiert die allgemeinen Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens? Darüber

können sich ja nicht einmal die Deutschen intern einig werden. Mit anderen Worten: mehr als

Grundgesetz und Gesetze kann man nicht als Bedingung und Grenze setzen, weil der Rest

willkürlich ist.




                            Internet: http://www.ssw-sh.de; e-mail:info@ssw-sh.de

Einwanderung ist eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung. Das erkennt auch die CDU an.

Wirtschaft, Staat und dritter Sektor werden gemeinsam die Grundlagen und den Rahmen für

die Einwanderung definieren und für die eingewanderten Menschen mit die Verantwortung

übernehmen müssen. Gerade weil eine solche breite Basis erforderlich ist, können wir auch

dem Vorschlag der Süssmuth-Kommission viel abgewinnen, dass zukünftig ein Zuwande-

rungsrat die Einwanderungsquoten festlegen soll und nicht nur Bundestag, Bundesrat oder

eine Bundesbehörde. Ein gesellschaftlich breit besetztes Gremium ist die bessere Lösung,

weil hierdurch ein Grundkonsens gewährleistet wird. Auch wenn es wichtig ist, dass

Einwanderung und Arbeitsmarkt aufeinander abgestimmt werden, darf dieses nicht das

einzige Kriterium sein. Wir wollen keine Einwanderungspolitik der Rosinenpickerei.


Und noch eine Gruppe muss beteiligt werden, wenn die Politik der Einwanderung und Inte-

gration Erfolg haben soll: die Einwanderer selbst. Zu ihrer demokratischen Integration gehört

zum einen, dass sie unabhängig von ihrer Herkunft zu den Kommunalwahlen wählen dürfen,

wie der Kollege Hildebrand schon ganz richtig festgestellt hat. Zum anderen müssen die

Einwanderer auch Unterstützung dafür bekommen, sich zu organisieren und ihre gemeinsa-

men Interessen zu artikulieren. Das wird ja auch im Antrag berücksichtigt. Dennoch gilt:

indem   Einwanderer sich gesellschaftlich organisieren, nehmen sie ihre demokratischen

Rechte als Bürger in Anspruch. Hier dürfen wir nicht mit zweierlei Maß messen.


Ich habe es bereits gesagt: Bis heute haben wir es nicht einmal geschafft, die hier lebenden

eingewanderten Ausländerinnen und Ausländer zu integrieren. Sie sind immer noch in vieler-

lei Hinsicht ausgegrenzt und benachteiligt. Eine neue Einwanderungspolitik wirft auch die

Frage der Integration dieser Menschen auf. Deshalb ist es unabdingbar, dass wir definieren,

was wir Einwanderern bieten, was wir ihnen abverlangen, und vor allem auch welche

Ressourcen wir hierfür zur Verfügung stellen. Integrationspolitik ist keine Einbahnstraße. In

diesem Sinne wünsche ich allen eine glückliche Hand, denn es gibt keine Alternative.




                            Internet: http://www.ssw-sh.de; e-mail:info@ssw-sh.de
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