PRESSEDIENST Es gilt das gesprochene Wort! TOP 29 - Netzwerkbetreuung an Schulen Dazu sagt die bildungspolitische Sprecherin der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, Angelika Birk: Fraktion im Landtag Schleswig-Holstein Pressesprecherin Claudia Jacob Landeshaus Düsternbrooker Weg 70 24105 Kiel Durchwahl: Zentrale: Telefax: Mobil: E-Mail: Internet: 0431/988-1503 0431/988-1500 0431/988-1501 0172/541 83 53 presse@gruene.ltsh.de www.gruene-landtag-sh.de Die eigentlichen Fragen müssen in einer Anhörung geklärt werden Nr. 153.01 / 30.05.2001 Neue Technik soll Zeit sparen, aber gleichzeitig frisst sie auch Zeit - unendlich viel Zeit, um sie handhaben zu können und zu pflegen, wie es so schön heißt. Diese Zeit wird ständig unterschätzt und kaum je hat es eine größere Selbstausbeutungswelle unter ArbeitnehmerInnen wie Selbstständigen - im übrigen zu 99 Prozent Männer - gegeben, um in ihrer Freizeit dem unbekannten Wesen Computer nahe zu kommen. Die Schnellen fressen die Langsamen. Es gibt sogar Klagen aus der Wirtschaft, dass die ständige IT-Innovation nicht immer unbedingt produktivitätssteigernd sei, weil sie zum Selbstzweck auszuarten drohe, der die Unternehmen immer wieder auf die eigene interne Reorganisation zurückwirft und so echte Innovation beginne zu verhindern. Eine Klage, die uns Grüne als politische Fachleute für Technikfolgenabschätzung nicht überrascht. Denn Menschen lassen sich aller Lernbereitschaft und Belegschaftsverjüngung zum Trotz nicht wie Software ständig austauschen. Was bedeutet das für die Schule? Für die Institution, die nicht nur die Schnellen fördern soll, sondern gerade auch die Langsamen. Kann sie sich gelassen und souverän dem Thema "Technik und pädagogische Reform" stellen? Gerade aufgrund ihres Auftrags, allen Kindern Chancengleichheit zu geben - auch und gerade in Zeiten knappster öffentlicher Haushalte, muss sie sich derzeit gezwungenermaßen noch mehr als die Unternehmen mit den Schattenseiten der ständigen technischen Revolution auseinandersetzen. Denn anstatt die modernsten Geräte und Anwendungsmodi zu kennen, muss sie sich häufig bisher mit den Ausrangierten trösten. Anstatt planvoller Heranführung aller Kinder an die neue Technik, ist sie jetzt schon mit einer immer größer werdenden Kluft zwischen Bildungsgewinnern und Bildungsverlierern durch die technische IT-Revolution unter Kinder und Jugendlichen konfrontiert. Genau damit will die Landesregierung laut ihrem letzten Bericht Schluss machen. Der nun vorliegende Vorschlag der Landesregierung stellt die Schule landesweit vor große neue finanzielle und pädagogische Herausforderungen. Deshalb fordern wir eine Anhörung zu diesem Thema. Mit einem neuen landesweiten Konzept sollen auch die Schulen an der Spitze der Vernetzungstechnik stehen. Allerdings sind die Schulen - gerade angesichts des von uns allen gewollten Autonomieanspruchs - keine Konzernfilialen. Und dies lässt uns fragen, ob der vorgeschlagene Weg für die Autonomie der Schule zukunftstauglich ist und welchen nachhaltigen pädagogischen Auswirkungen der vorgeschlagene umfassende Bildungsserver, der zukünftig über eine GmbH organisiert werden soll, auf die Schullandschaft haben wird. Auch wenn es in meiner Fraktion viele Sympathien für dieses Konzept gibt, so müssen wir es doch auch in Hinblick auf Technikfolgen hinterfragen, denn gerade bei Lösungen, die einem auf den ersten Blick sympathisch und plausibel erscheinen, ist man für Pferdefüße besonders blind. Die Lehrerinnen und Lehrer vor Ort haben riesigen Anstrengungen unternommen - ich möchte an dieser Stelle nochmals ausdrücklich für das Engagement danken - und das Bildungsministerium hat namhafte Unternehmen gewonnen, die Schulen mit Computern auszustatten. Nun liegt auch ein Zukunftsentwurf für eine landesweite Vernetzung der Primärbildungseinrichtungen vor. Dennoch: Die eigentliche Frage, mit welchem Ressourceneinsatz und welchen pädagogischen Zielen und welcher Verantwortung im einzelnen sollen zukünftig IT- Medien in den Schulen genutzt werden, lässt auch dieser vom Landtag erneut angeforderte Bericht unbeantwortet. Deshalb schlagen wir - auch wenn es wiederum Zeit kostet - eine Anhörung im Bildungsausschuss vor. Befragen wollen wir: · · · · · · · · IT- Fachleute, das heißt die Pädagogen - auch übrigens überwiegen männlich ganz im Gegensatz zur mehrheitlich weiblichen Lehrerschaft in den Schulen - ohne deren unermüdlichen unbezahlten Einsatz kein Computer laufen würde, Fortbildungsfachleute, nicht nur des IPTS, kommunale Spitzenverbände, Softwareanbieter, den Datenschutz, sowie BildungsforscherInnen und Finanzfachleute und schließlich die SchülerInnen - der kritische Bericht der LandesschülerInnenvertretung der Berufsschulen zum Thema zeigt, dass wir es unter ihnen inzwischen trotz der noch vorhandenen Probleme hervorragende Fachleute gibt, ohne deren Unterstützung die Technik an den Schulen gar nicht funktionieren würde. Wir wollen von all diesen unterschiedlichen Fachleuten wissen, wie wir angesichts der bestehenden Ausstattung, des Geld- und Zeitmangels und des pädagogischen Auftrags die Lösung des Ministeriums zu beurteilen haben und welche Übergangswege gegebenenfalls zu ihr oder einer anderen Gesamtkonzeption führen können. Diese Anhörung muss sich nicht über Wochen hinziehen, aber angesichts der Tragweite der Grundsatzentscheidung für das vorgeschlagene Konzept müssen wir die Zeit für eine Anhörung nehmen und können auch die Verantwortung nicht - wie dies die Opposition gern mit höhnischem Unterton tut - allein an das Ministerium delegieren. Die jüngsten Anhörungen im Bildungsausschuss haben gezeigt, dass es auf Grundlage von ExpertInnenbefragung leichter für uns ist, sich Konsensen zu nähern. Ich bin guten Mutes, dass dies auch diesmal der Fall sein wird. ***