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157/2005 Kiel, 11. November 2005
Sperrfrist:
13. Nov. 2005, 11:30 Uhr
Es gilt das gesprochene Wort!
Kayenburg: Die Opfer nicht in Vergessenheit geraten lassen
Kiel (SHL) In seiner Rede anlässlich der Gedenkveranstaltung zum
Volkstrauertag am Sonntag, 13. November 2005, im Kieler Opernhaus
sagte Landtagspräsident Martin Kayenburg unter anderem:
,,Wir sind heute am Volkstrauertag zusammen gekommen, um der
Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft zu gedenken.
Der Opfer von Krieg und Gewalt gedenken das klingt nüchtern und
abstrakt. Doch dahinter verbergen sich die kaum fassbaren Leiden
unzähliger Opfer zweier Weltkriegskatastrophen und der Terrorherr-
schaft der NS-Diktatur sowie der politischen Opfer zu Zeiten des DDR-
Regimes. Dahinter verbergen sich persönliche Schicksale. An diesem
Tag kann es deshalb nicht allein um die Erinnerung und das Geden-
ken an die toten Soldaten gehen.
Wir gedenken heute der Millionen Männer, Frauen und Kinder aller
Völker, die im Krieg ihr Leben verloren, der Menschen, die während
der Flucht starben, der 6 Millionen Juden, die in den Konzentrationsla-
gern ermordet wurden, der Menschen, die um ihrer politischen und
religiösen Überzeugung willen starben. Wir dürfen diese Opfer nicht in
Vergessenheit geraten lassen, sondern müssen uns an sie erinnern.
Erinnern bedeutet in diesem Sinne aber auch trauern. Doch Trauer
lässt sich nicht verordnen. Sie ist etwas persönliches, etwas, was uns
im Inneren berührt. Aber mit den Jahrzehnten sind die Erinnerungen
an die Toten, an die Opfer mehr und mehr verblasst. Der Volkstrauer-
tag hat daher in unserer heutigen Gesellschaft seine Selbstverständ-
lichkeit verloren.
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Wir sollten uns da nichts vormachen. Deutschland als Ganzes trauert
am heutigen Tage gewiss nicht. Für viele Deutsche ist der Volkstrau-
ertag nur einer der vielen offiziellen Gedenktage. Er ist kein Tag kol-
lektiver Trauer und Nachdenklichkeit mehr. Brauchen wir diesen Feier-
tag also noch? Und wenn ja, warum?
Erinnerung ist eben nicht nur Trauer, sondern eine moralische Ver-
pflichtung gegenüber den Toten der Vergangenheit, aber zugleich
auch eine stetige Mahnung für die künftigen Generationen. Denn wir
alle sind doch davon betroffen: Weil es Angehörige unseres Volkes,
unsere Vorfahren waren, eigene Landsleute, die ums Leben gekom-
men sind. Und weil es Menschen waren, die im deutschen Namen
getötet oder ermordet wurden. Wir haben eine gemeinsame Verant-
wortung für unsere jüngere Vergangenheit, der wir uns nicht entziehen
dürfen. Auf Versöhnung, Verständigung und Frieden basiert unsere
gemeinsame Zukunft.
Aber um uns herum ist die Welt nicht friedlicher geworden. Der Ein-
satz für den Frieden man mag es kaum so ausdrücken erfordert
immer neue Abordnungen von Soldaten auch unserer Bundeswehr,
die in vorbildlicher Weise die an sie gestellten Aufgaben unter Einsatz
ihres eigenen Lebens erfüllen. In Afghanistan, in Bosnien, im Kosovo
oder am Horn von Afrika.
Mit dem weltweiten Einsatz von Friedenssoldaten allein ist es nicht
getan. Der Armut, dem Kampf der Kulturen, dem Islamismus, der
Ghettoisierung und dem Rassismus muss mit anderen Mitteln begeg-
net werden, auch in unserem Land. Und wir müssen unsere Kinder
und Jugendlichen vor extremistischen Rattenfängern schützen. Es
liegt ist unserer Verantwortung, dass wir den jungen Menschen die
Werte unserer demokratischen Gesellschaft vermitteln. Freiheit und
Demokratie sind keine Selbstverständlichkeiten. Nur das harmonische
Ineinandergreifen beider sichert uns den Frieden.
Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge hat mit seiner Arbeit
viel für diesen Frieden und für Versöhnung in ganz Europa getan. Un-
spektakulär, nüchtern und beharrlich betätigt sich die deutsche
Kriegsgräberfürsorge in Osteuropa. Seit dem politischen Mauerfall
zwischen Ost und West sucht der Volksbund die Grablagen deutscher
Gefallener der Weltkriege im Osten und bettet diese in größere Grä-
berfelder um. Mit seinen Spezialisten und den vielen ehrenamtlichen
Helfern nimmt der Volksbund keine einfache Aufgabe wahr. Sie erfor-
dert viel Sensibilität. Denn mit 50 Jahren Verzögerung erfolgt bei der
Arbeit an den Gräbern jetzt erst eine Versöhnung mit vielen Men-
schen, gerade den Älteren, in Osteuropa."