PRESSEDIENST Fraktion im Landtag Schleswig-Holstein Pressesprecherin Claudia Jacob Landeshaus Es gilt das gesprochene Wort! Düsternbrooker Weg 70 24105 Kiel TOP 35 ­ Erhalt der eigenständigen Universitäten Durchwahl: 0431/988-1503 Zentrale: 0431/988-1500 in Schleswig-Holstein Telefax: 0431/988-1501 Mobil: 0172/541 83 53 Dazu sagt der bildungspolitische Sprecher E-Mail: presse@gruene.ltsh.de der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, Internet: www.sh-gruene.de Karl-Martin Hentschel: Nr. 339.05 / 11.11.2005 Fusionsreaktor Austermann: Hohes Restrisiko! Sie wissen ja, dass ich schon aufgrund meiner beruflichen Erfahrung immer für Struktur- reformen zu haben bin. Deshalb erschien mir auf den ersten Blick eine Fusion der Uni- versitäten als sinnvolle Maßnahme, einmal um zu sparen und zum zweiten um die Hoch- schulen schlagkräftiger im Wettbewerb um Exzellenz und Drittmittel zu machen. Aller- dings, wer sich die Austermann'schen Eckpunkte genauer anschaut, bekommt Zweifel: Erstens: Eine Universität ist kein Betrieb und keine Behörde, sondern eine Institution, die eine Region mit der wichtigsten Ressource versorgt, die es in einem modernen Industrie- land gibt: Bildung auf hohem Niveau. Universitäten und Forschungszentren sind mit ih- rem Standort enger verbunden als jede andere Institution, sie stellen einen Pool von I- deen und kultureller Kreativität dar, die in die Region ausstrahlen. Diese hohe Identität der regionalen Wirtschaft mit ihren Universitäten ist ein nicht zu unterschätzender Faktor für den Erfolg, der auch entscheidend zur Erfolgsgeschichte der Technologie-Förderung über Hochschul-GmbHs und Technologie-Zentren in Schleswig-Holstein beigetragen hat. Zweitens: In der Vergangenheit hat sich eher die große CAU schwer getan, ihre Struktu- ren zu verändern, während gerade die kleinen Unis und die Fachhochschulen durch in- novative Konzepte glänzten. Die Theorie, dass Großcontainerschiffe effizienter sind als kleine Feader, stimmt eben nur in Gewässern, in denen keine erhöhte Manöv- rierfähigkeit verlangt wird. Drittens: Mit der Umstellung auf Bachelor- und Master-Studiengängen schwindet die Un- terscheidung in Universitäten und Fachhochschulen zunehmend. Schon heute gibt es ei- ne Reihe von gemeinsamen Vorlesungen von Uni und FH in Flensburg. Die intensive Zusammenarbeit wurde bereits beschlossen, ist aber erstmal aufgeschoben. Auch 1/2 gibt es mittlerweile zahlreiche Professoren an FHs, die angewandte Spitzenforschung betreiben, während nach Schätzungen die Hälfte der Uni-Professoren gar nicht forscht, aber trotzdem die reduzierte Lehrverpflichtung von 8 Wochenstunden genießt. Deswe- gen muss jedes Hochschulreformkonzept die Rolle der Fachhochschulen mitbedenken. Egal, was man von ihrem Konzept hält, allein schon die Tatsache, dass sie diese Prob- leme schlicht ignorieren, macht deutlich, dass ihre Vorschläge angesichts der bestehen- den Probleme unterkomplex sind. Im März 2003 hat eine hochkarätig besetzte Experten-Kommission unter der Leitung von Prof. Erichsen im Auftrag der Landesrektorenkonferenz ihren Bericht vorgelegt und sehr konkrete Empfehlungen für die Entwicklung der schleswig-holsteinischen Hochschulen, für Einsparkorridore und Konzentrationsnotwendigkeiten vorgeschlagen. Es ist schon ziemlich dreist, wenn sie dies alles ignorieren, ohne sich überhaupt damit auseinanderzusetzen, und sich dann auch noch beschweren, dass die Hochschulen sich über mangelnde Zusammenarbeit beklagen. Auch die anderen Punkte ihres Konzeptes ­ Einführung von Studiengebühren und Ab- schaffung der Hochschuldemokratie ­ finde ich nicht überzeugend. Leider habe ich nur fünf Minuten, so dass mir die Zeit fehlt, darauf auch noch einzugehen. Herr Austermann, Fusion klingt immer gut. Sie sollten aber zumindest ein, zwei gute Ar- gumente haben, die überzeugen. Das scheint nicht der Fall zu sein: Die Hochschulen lehnen ihr Konzept ab, Flensburg und Lübeck lehnen ihr Konzept ab, die Parteien wirken alle nicht begeistert. Und dann haben sie nicht mal die Mehrheit im Kabinett bekommen. Da kann ich nur sagen: War ein netter Versuch, aber der Fusionsreaktor Austermann hat ein zu hohes Restrisiko. Meine Partei wird jetzt mit Hochschulexperten ein eigenes Konzept erarbeiten. Den SSW-Antrag sollten wir in den Bildungsausschuss überweisen und dann aufrufen, wenn sich das Kabinett vielleicht auf einen Entwurf geeinigt hat. Dabei wünsche ich der Regie- rung viel Spaß und Erfolg. ******