Karl-Martin Hentschel zum Ausstieg aus der Atomkraft

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PRESSEDIENST                                                  Fraktion im Landtag
                                Schleswig-Holstein
                                Pressesprecherin
Es gilt das gesprochene Wort.                                 Claudia Jacob
                                Landeshaus
TOP 16 ­ Am Ausstieg aus der Atomkraft festhalten             Düsternbrooker Weg 70
                                24105 Kiel

Dazu sagt der Vorsitzende                                     Durchwahl:   0431/988-1503
                                Zentrale:    0431/988-1500
der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen:                           Telefax:     0431/988-1501
Karl-Martin Hentschel:                                        Mobil:       0172/541 83 53
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                                Nr. 154.07 / 23.03.2007


Die Verlängerung der Laufzeiten
verzögert die Energiewende

Sehr geehrter Herr Präsident, meine Damen und Herren,
eine wirksame Bekämpfung des Klimawandels erfordert bis 2050 eine Reduzierung der
CO2-Emissionen um die Hälfte. Für Deutschland bedeutet das sogar ein Minus von 40
Prozent bis 2020, und von 80 Prozent bis 2050.

In dieser Lage mehren sich die Versuche, den Klimawandel als Grund dafür zu nutzen,
den Ausstieg aus der Atomenergie in Frage zu stellen. Deswegen haben wir diesen An-
trag gestellt. Damit sich der Landtag positioniert, damit die Landesregierung einen klaren
Auftrag für ein Klimakonzept bekommt und damit die Prioritäten richtig gesetzt werden.

Natürlich stellt sich auch mir die Frage: Kann die Atomenergie in der künftigen Energie-
wirtschaft nach 2050 eine wesentliche Rolle spielen?

Die Antwort ist bei allen WissenschaftlerInnen übereinstimmend: Nein. Einmal weil es da-
für gar nicht genug radiaktive Brennstoffe gibt.

Zweitens, weil der Neubau von Atomkraftwerken viel zu teuer ist. In keinem westlichen
Land wird noch ein Atomkraftwerk gebaut - außer dem hoch subventionierten Vorzeige-
reaktor in Finnland. In USA wurde seit 30 Jahren kein Reaktorbau mehr begonnen.

Die zweite Frage, die zur Zeit viel intensiver diskutiert wird, lautet: Brauchen wir vielleicht
die Atomenergie als Übergangstechnologie?

Um einen glaubhaften Kronzeugen zu präsentieren, gestatten Sie mir, Frank Schirrma-
cher zu zitieren, Chefredakteur der FAZ ­ mit Sicherheit kein atomkraftkritisches Blatt:

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,,Keiner der Forscher hält den Ausbau der Atomenergie für eine Option. ... Sie zeigen in
ihren Berechnungen, dass wir ohne Atomkraftwerke die dritte industrielle Revolution er-
reichen können."

Um zu verstehen, warum das so ist, muss man sich den Umbau der Energiewirtschaft
konkret anschauen.

Der Kassler Diplomphysiker und Ingenieur Gregor Czisch vom wissenschaftlichen Beirat
der Bundesregierung für globale Umweltveränderungen hat als erster ein komplettes Si-
mulationsmodell programmiert, das ausrechnet, wie eine optimale Versorgung Europas
und Nordafrikas mit regenerativer Energie aussehen würde.

Das Ergebnis ist außerordentlich spannend: Auf Basis heutiger Technologien und Preise
würde Europa durch solarthermische Kraftwerke in der Sahara, durch Wasserkraftwerke
in Norwegen und den Alpen und Windparks vor allem an der Atlantikküste, in der Nord-
see, in Nordrussland und in Ägypten versorgt. Denn dort weht der Wind am gleichmä-
ßigsten und Strom kann heute bereits bis zu unter drei Cent/kWh erzeugt werden kann.
Kapazitäten spielen keine Rolle, es gibt genug regenerative Energien, um 1000 Europas
zu versorgen.

Aber ­ wir brauchen dafür ein Hochspannungsgleichstromnetz ­ ein sogenanntes HGÜ-
Netz, das es erlaubt, große Stormmengen kostengünstig von Afrika nach Norwegen und
vom Ural an die Atlantikküste und zurück zu transportieren. Durch dieses Netz wird eine
hundertprozentige Verfügbarkeit mit großen Reserven gesichert.

Das spannendste daran ist: Hätten wir eine solche Energieversorgung schon heute, dann
würde die Kilowattstunde für den Endabnehmer 4,6 Cent kosten, also fast vier Cent we-
niger, als die EON heute von uns kassiert.

Da erhebt sich die Frage, warum wir das nicht sofort machen? Der Grund ist einfach: Es
geht nach Berechnungen des DIW in Berlin bei der Energiewende in Deutschland insge-
samt um Investitionen von 800 Milliarden Euro. Das geht nicht von heute auf morgen.

Aber ­ trotz der riesigen Summe: Es ist bezahlbar! Umgelegt auf 40 Jahre sind das für
jede einzelne BürgerIn zirka 250 Euro pro Jahr oder 20 Euro pro Monat. Das ist zu schaf-
fen ­ ohne Zweifel.

Und nun kommt die spannende Frage: Müssen wir in der Übergangszeit neue Kohle- o-
der Atomkraftwerke bauen, müssen wir die Laufzeiten verlängern, um die auslaufenden
Kraftwerke zu ersetzen?

Die Experten sagen ganz klar: Nein! Wenn der Zubau von regenerativen Kraftwerken
heute schon billiger ist als der Zubau oder die Nachrüstung von Kohle- oder Atomkraft-
werken, dann binden wir nur unsinnige Investitionen, die wir für den Umbau brauchen.

Entscheidend ist aber, dass wir so schnell wie möglich mit dem Ausbau des Supernet-
zes, des Hochspannungsgleichstromnetzes beginnen. Auch das ist keine Utopie: Schon
lange wird New York über ein solches Netz mit Wasserstrom von den Niagarafällen ver-
sorgt.

Für uns könnte der erste Schritt der Bau eines HGÜ-Kabels von Brunsbüttel nach Nor-
wegen sein. Dann können wir bei viel Wind Strom nach Norwegen liefern, bei wenig

Wind beziehen wir dann Strom aus den norwegischen Wasserkraftwerken, die heute den
Strom für unter vier Cent liefern.

Meine Damen und Herren,
jeder Euro, der heute noch in Kohle- und Atomkraft investiert wird, ist ein Euro, der beim
Ausbau der regenerativen Energien fehlt.

Der einzige Grund, warum wir überhaupt noch eine Zeit lang fossile Energien benötigen,
ist die Wohnungswärme. Der Umbau unseres gesamten Gebäudebestandes auf Niedrig-
oder Passivhausstandard wird mit Sicherheit 50 Jahre dauern. Danach werden wir nur
noch ein Fünftel bis ein Zehntel des heutigen Wärmeverbrauchs benötigen.

Bis dahin müssen wir aber unsere Wohnungen heizen. Und da macht es Sinn, die Wär-
me in Kraftwärmekopplungsanlagen zu erzeugen, die nebenbei auch noch Strom produ-
zieren.

Aber auch dafür brauchen wir keine Kohlkraftwerke. Und Atomkraftwerke sind dafür völlig
ungeeignet. Wie soll denn die Wärme von Brunsbüttel nach Kiel kommen. Das wäre un-
bezahlbar und völlig ineffizient. Aber hochmoderne Gasturbinenkraftwerke können eine
Übergangslösung sein.

Meine Damen und Herren,
Die Vorraussetzung, damit sich das lohnt, ist aber geradezu, dass die Atomkraftwerke so
schnell wie möglich abgeschaltet werden. Sie sind Dinosaurier einer Energievergangen-
heit, die beim Umbau der Energiewirtschaft durch ihre riesigen unflexiblen Blöcke eher
ein Hindernis denn eine Hilfe darstellen.

In der aktuellen Debatte um die Laufzeiten geht es nicht um Klimaschutz: Klimaschutz
dient lediglich als Argument für den durchsichtigen Versuch der Energieriesen, mit längst
abgeschriebenen Altreaktoren eine hohe Monopolrendite einzufahren.

Was die Monopolisten tatsächlich fürchten, ist die Konkurrenz: Denn der Umbau der E-
nergiewirtschaft wird nicht zwangsläufig in den Händen von EON, RWE und Vattenfall
liegen.

Natürlich ist es den Giganten ein Dorn im Auge, wenn heute Tausende BäuerInnen, In-
vestorInnen, Finanzierungsgesellschaften und Stadtwerke Solar-, Wind- und Biogasanla-
gen bauen und den Konzernen eine ungeliebte Konkurrenz bereiten.

Mit allen technischen und rechtlichen Mitteln versucht die EON noch heute, die Energie-
wende zu verhindern oder hinauszuzögern. Jedes Jahr mehr Laufzeit ist für die EON ba-
res Geld, für Schleswig-Holstein ist es aber ein verlorenes Jahr auf dem Weg in die Zu-
kunft.

Meine Damen und Herren,
gestatten Sie mir noch ein paar Worte zu den Warnungen vor dem Verlust von Arbeits-
plätzen:

Diese Warnungen sind reine Demagogie! Schon heute beschäftigen die regenerativen
Energien fünfmal soviel Menschen wie die Atomindustrie.

Wird aber ein Atomkraftwerk abgeschaltet, dann fängt die Arbeit erst an. Der Rückbau
eines AKW beschäftigt 20 Jahre lang weitaus mehr Menschen als der Betrieb. Das Geld
dafür haben die Konzerne zurücklegen müssen.

Meine Damen und Herren,
Grüne Wirtschaftspolitik hat in den vergangenen zehn Jahren Hunderttausende von Ar-
beitsplätzen geschaffen. Kein Sektor der Wirtschaft ist so schnell gewachsen wie die re-
generativen Energien und die Energiespartechnologien.

Ein erheblicher Teil der Solar- und Windkraftanlagen wird importiert. Heute ist Deutsch-
land führend und exportiert Anlagen nach Großbritannien und China, nach Brasilien und
Indien.

Die größten Investitionen finden aber zur Zeit in den USA statt. Riesige Windparks mit
hunderten von Windkraftanlagen deutscher Produktion werden in den Schluchten der
Rocky Mountains installiert, wo ganzjährige Fallwinde eine gigantische Ausbeute möglich
machen.

Meine Damen und Herren,
ein chinesisches Sprichwort sagt:
,,Wenn der Wind des Wandels weht,
bauen die einen Mauern
und die anderen stellen Windmühlen auf."

Der Wind weht.
Die Zukunft hat längst begonnen ­
verabschieden Sie sich von der Vergangenheit.

Stimmen Sie unserem Antrag zu.


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