Presseinformation Es gilt das gesprochene Wort TOP 12 ­ Bilanz und Zukunft des Küstenschutzes Landtagsfraktion Schleswig-Holstein Dazu sagt der umweltpolitische Sprecher Pressesprecherin der Landtagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, Claudia Jacob Landeshaus Detlef Matthiessen: Düsternbrooker Weg 70 24105 Kiel Telefon: 0431 / 988 - 1503 Fax: 0431 / 988 - 1501 Mobil: 0172 / 541 83 53 presse@gruene.ltsh.de www.sh.gruene-fraktion.de Nr. 089.09 / 27.02.2009 Landesregierung muss Küstenschutz endlich ernst nehmen Ich danke der Landesregierung für ihren umfassenden und aussagekräftigen Bericht. Klimaveränderung und Küstenschutz sind in unserem Land zwischen den Meeres The- men von existenzieller Wichtigkeit. Prognosen, was in den kommenden Jahrzehnten auf uns und viel mehr noch auf die nachfolgenden Generationen zukommt, sind nicht ein- fach. Verschiedenste Prognosen und Szenarien werden vor allem im Hinblick auf ihre Ein- trittswahrscheinlichkeit und möglicher Zeitspannen diskutiert. Zwei wesentliche Arbeiten seien genannt: Der Bericht des ,,Intergovernmental Panel On Climate Change" der UN- Umweltorganisation UNEP prognostiziert einen Meeresspiegelanstieg von 9 bis 88 Zen- timeter bis zum Jahr 2100. Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung geht in einer jüngeren Studie davon aus, dass der Meeresspiegel in diesem Zeitraum von 50 bis 140 Zentimeter steigen wird. Die großen Streuungen in den Vorausberechnungen und die Unterschiede in den Abschät- zungen machen deutlich, wie unsicher die gegenwärtigen Meeresspiegelvorhersagen sind. Das liegt an den unterschiedlichen Methoden bei der Modellberechnung, außerdem ist das Verhalten der großen Kontinentaleismassen in Grönland und der Antarktis nur schwer berechenbar. Das Ausmaß des Meeresspiegelanstiegs in diesem Jahrhundert bleibt daher aus heutiger Sicht spekulativ. Es wird davon abhängig sein, in wie weit es gelingt, den Ausstoß von Treibhausgasen zukünftig deutlich zu verringern und in wie Seite 1 von 4 weit die natürlichen Systeme - vor allem die Ozeane - in der Lage sind, weiterhin Treib- hausgase aus der Atmosphäre zu binden. Mit diesem Thema müssen wir uns in diesem hohen Hause intensiv beschäftigt, denn wir als eines der am meisten betroffenen Bundesländer sollten auch bei den Bemühun- gen an erster Stelle stehen, Maßnahmen zum Küstenschutz und zum Klimaschutz zu ergreifen. Dass die Landesregierung diese Bemühungen nicht ernst nimmt, ist in der Energiepoli- tik nicht zu erkennen. Der geplante Bau neuer Kohlekraftwerke wird den Kohlendioxid- ausstoß im Lande vervielfachen. Die Verkehrspolitik setzt immer noch lediglich auf neue Straßen statt auf die Verkehrssysteme mit dem geringsten Energieverbrauch pro Per- sonen- und Tonnenkilometer. Der Meeresspiegel wird ansteigen und dies wird Folgen für unsere Küsten haben. Auch wenn der Sicherheitsstandard unserer Deiche heute so gut ist wie noch nie ist und wir heute von einer festgelegten Küstenlinie sprechen können, was über viele Jahrhunderte nicht der Fall war, so wird dies keine Selbstverständlichkeit bleiben. Nach den schweren Sturmfluten von 1962 und 1976 ist im Küstenschutz viel investiert worden, wobei Deiche, Sperrwerke und großflächige Vordeichungen zunächst aus- schließlich daran ausgerichtet wurden, menschliche Behausungen und Kulturland zu schützen. Naturverträglichkeit spielte zunächst keine Rolle, so dass gerade durch die großen Vordeichungen besonders wertvolle Schlickwattbereiche in Buchtenlagen verlo- ren gingen. Heute hat sich ein Bewusstseinswandel durchgesetzt, es soll keine weitere Eindeichun- gen zur Landgewinnung mehr geben. An einigen ausgewählten Orten wurde sogar be- gonnen, die starre Grenze zwischen Wattenmeer und eingedeichtem Marschland durchlässiger zu machen. An der Wurster Küste, der Insel Neuwerk und dem Langwar- der Groden wurden und werden Sommerpolder kontrolliert geöffnet, um die Gezeiten ein- und ausschwingen zu lassen. Die Uferkanten der Halligen sind mit Steindeckwerken geschützt, vor den Vorländern liegen ausgedehnte Lahnungsfelder und sandige Küsten werden mit Steinen, biotechni- schen Maßnahmen oder Sandvorspülungen geschützt ­ dies alles geschieht mit einem erheblichen technischen und finanziellen Aufwand. Das bedeutet aber auch, dass insbesondere das Wattenmeer nicht dynamisch auf den Meeresspiegelanstieg reagieren kann. Das Sediment reagiert auf die immer größer werdende Strömungs- und Wellenenergie, kann sich aber nur in dem Maße umlagern, wie es durch die quasi fest zementierte Küstenlinie und den menschlichen Eingriff mög- lich ist. Zu befürchten ist dabei, dass es bei einem Mangel an Sediment zu einer verstärkten Ausräumung des Wattenmeeres kommt und dass die sandigen Küsten zunehmend e- 2 rodieren werden. Der Erhalt des Wattenmeeres muss neben dem Schutz der Menschen auch ein wesentliches Ziel unserer Bemühungen im Küstenschutz sein. Es nutzt wenig, Deiche weiter zu verstärken und Uferlinien zu befestigen, wenn gleichzeitig das Wat- tenmeer vor der Küstenlinie nach und nach verschwindet ­ dies würde auch die Sicher- heit der Küstenbevölkerung erheblich einschränken. Eine trilaterale Arbeitsgruppe von Deutschen, Dänen und Niederländern hat Zusam- menhänge erforscht und kommt zu dem Ergebnis, dass es einen ,,kritischen Punkt" beim Meeresspiegelanstieg gibt ­ wenn dieser überschritten wird, könne das Watten- meer den Sedimentverlust nicht ausgleichen und in den Tidenbecken würde eine Lagu- nenbildung beginnen. Es wurden verschiedenste Gegenmaßnahmen diskutiert, wie Dünen- und Salzwiesen- management, Sandvorspülungen, Muschelbänke und Seegrasfelder, die Öffnung von Sommerpoldern und sogar Deichen. Letztlich Erfolg versprechend für sandige Küsten scheinen Sandvorspülungen zu sein, um Sedimentdefizite im Wattenmeer auszuglei- chen. Diese werden schon seit vielen Jahren, wie der Bericht der Landesregierung zeigt, an den Außenküsten von Sylt und Föhr durchgeführt. Auf Sylt konnte so die zirka 40 Kilo- meter lange Westküste über die letzten Jahrzehnte erhalten bleiben. Aber auch an der sandigen Ostküste der Insel treten Uferabbrüche auf, obwohl diese geschützt im Lee der Westwinde liegt und nicht dem direkten Wellenangriff ausgesetzt ist. Auch hier werden Siedlungen gefährdet ­ bislang wird in einem solchen Fall mit hartem Steindeckwerk gearbeitet. Dies mag lokal wirksam sein, führt aber zu erheblichen Be- einträchtigungen des Landschaftsbildes und des Sedimenthaushaltes. Die trilaterale Arbeitsgruppe empfiehlt an sandigen Küsten der Erosion mit Sandvorspü- lungen zu begegnen. Dieser Forderung entspricht auch das Vorlandmanagementkon- zept für Schleswig-Holstein, das einen entsprechenden Modellversuch vorsieht, um mit Sandvorspülungen im Wattenmeer eine Alternative zu herkömmlichen Uferbefestigun- gen zu erproben. Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass die Erosion und die Vergrößerung von Tide- Rinnen im nördlichen Teil des nordfriesischen Wattenmeeres eine deutlich größere Rol- le als im südlichen Teil oder in Dithmarschen spielen. Gerade im Bereich zwischen Rö- mö und Sylt haben Eindeichungen und Begradigungen in den letzten Jahrhunderten bewirkt, dass landnahe Schlickbuchten und Salzwiesen verloren gingen und das stark verkleinerte Tidebecken geschützte Sedimentationsräume, in denen sich von Sturmflu- ten aufgewirbelte Sedimente wieder ablagern können, verloren hat. Durch gezielte Sandvorspülungen auf den quasi ,,Rück"-Seiten der Inseln könnte man für eine positive Sedimentbilanz sorgen und die Auswirkungen in einem Pilotprojekt, wie es unter anderem vom Naturschutzverein Schutzstation Wattenmeer eingefordert wird, untersuchen. 3 Die Herausforderungen des Klimawandels zwingen uns, neue Wege zu gehen. Noch bleibt die Zeit, diese in Ruhe und mit Bedacht zu erforschen. Ich fordere die Landesre- gierung auf, zum einen endlich ernst zu machen im Klimaschutz und sich im Küsten- schutz auch auf den Erhalt des Wattenmeeres zu konzentrieren. Nicht, dass wir in 100 Jahren zwar ein Weltnaturerbe haben, aber nichts mehr, was diesen Namen auch ver- dient. *** 4